…ist alles vergänglich?...
© miguelbabo

...ganze 25 Jahre war ich nicht dort. Wenn ich meine kurzen Besuche abziehe, waren es ganze 35 Jahre. Manchmal frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Manchmal erkenne ich es, wenn meine Kinder Geburtstag haben. Oder bei meiner immer mehr gebrechlichen Mutter. Oder wenn ich ein altes Tape in der Schublade entdecke. Ist dies Vergänglichkeit?

Entstehen und Vergehen, das ist das Gesetz unseres Lebens und deshalb ist alles vergänglich?

 

Ja, ich war dort, wo ich den Großteil meiner Kindheit verbrachte, zumindest meine Ferien. Groß geworden bin ich in einer der ältesten Städte Europas mit über 1,3 Millionen Einwohnern. Porto mit seiner Altstadt, mit seinen kleinen und engen Gassen, wo die Sonne am Tag nur für Minuten hinein scheint. Für mich ist es ein Wunder, wie heute der Autoverkehr dort pulsiert: Straßen die für Fußgänger und kleine Kutschen gebaut wurden. Heute fahren dort überfüllte Busse, statusträchtige deutsche Autos und ich habe das Gefühl, JEDER möchte daran Teil nehmen, ohne Ausnahme. Mittlerweile hat heute der Wohlstand die Metropolen der Iberischen Halbinsel erreicht.

Damals war für meine Eltern und auch für mich der Ausgleich zum Stadtleben wichtig. Meine Oma und der Großteil der Familie, ganz speziell meine Cousinen und Cousins, lebten auf dem Land und ich hatte dort Auslauf. In Porto spielte ich Fußball zwischen Autos, Spielplätze gab es nicht, grüne Flächen nur wenige. Im pubertierenden Alter lenkten mich meine Interessen woanders hin: Musik, Freunde, cool sein, der Drang in der Gruppe zu sein und mich von zuhause abzulösen.Irgendwann zeichnete sich der Weg nach Deutschland ab. Die Entfernung ist zwar keine Ausrede, aber ich distanzierte mich von meiner Heimat. Nach Tagen folgten Wochen, Monate, Jahre. Dann verstarb meine Oma, das Haus wurde geräumt. Ohne Leben, kein Bezug, es waren 25 Jahren vergangen.

...was für ein Anblick, einst das Haus meiner Oma, da wo ich gerannt bin, da wo Freude und Leid meine Seele geprägt haben. Es war nicht nur das Haus, sondern die ganze Straße, der Stadtteil. Alles hat sich heute in eine Geisterstadt verwandelt. Der Drang nach Wohlstand ist größer, auch mich hat es nach Deutschland verschlagen. Neue Häuser wurden im Neugebiet gebaut, mit Heizung, warmen Wasser, Aufzügen, mit Garagen, Einkaufszentren vor der Tür. Einer nach dem anderen ist weggezogen. Die, welche geblieben sind, versuchten ihr „Denkmal“ zu erhalten, bis der Tod sie heimsuchte. Manche Häuser, wurden geräumt, andere nicht. Auch das Haus meiner Oma wurde geräumt, bis auf ein paar Kleinigkeiten ist alles weg. Das Haus scheint nicht einverstanden zu sein. Es weint vor sich hin, fühlt sich alleine und im Stich gelassen.

Einst wo sich die ganze Familie traf, große und kleine Schwestern und Brüder, große Kinder, kleine Kinder, die Kinder der Kinder...ja, wir sind echt viele, es ist eine große Familie. Das Haus war ein Anlaufpunkt von allem. Jetzt regnet es rein, der Putz fällt runter, die Farben verblassen, die Türen gehen nicht mehr auf und zu und es riecht nach Feuchtigkeit. Laufen kann ich nicht mehr ohne eine Aluleiter auf den Boden zu legen, die Gefahr ist einfach zu groß, dass der Boden punktuell bricht. Es war eine Herausforderung von einem Raum in den nächsten zu kommen: Lage beurteilen, Leiter legen, mit Stativ, Kamera, Kameraausrüstung, Gleichgewicht halten und hoffen, dass ich nicht fünf Meter in die Tiefe falle. Der Anblick, wie Riesenspinnen brüten , wie Staub sich mühelos ablagert, wie dieses Glass auf der Fensterbank vor sich hin ruht, wie die Wände schweigen. Wie das Dach nach und nach einstürzt, sich vorzustellen wie von oben das Wasser auf diese wunderbaren breiten Holzdielen tropft und dann herunter fließt. Wie ein ganzer Boden aufs mal in die Tiefe fällt, ohne aufgehalten zu werden und wie selbstverständlich alles passiert - mit unserer Zustimmung.

Ach ja, wie war die Vergänglichkeit? Genau. Ich hab meine Kindheit gesucht und gefunden, genau da!

Ich stand am Haus, im Haus und betrachtete zwar nur einen brüchigen Gegenstand, aber mir kamen Erinnerungen in den Kopf...wie sich meine Oma wie eine Prinzessin stundenlang vor dem Spiegel kämmte. Was für magische Stunden, wie sie bei Kerzenlicht Ihre langen Haare durchkämmte und damit nicht genug, sehr sanft und ausführlich Ihre Beine massierte, bevor Sie ins Bett ging. Ich wartete auf Sie und betrachte Sie mit ganz großen Augen. Sie hatte eine Kommode mit ein direkten Spiegel und zwei seitlichen...einmal links, einmal rechts und von vorne kämmen, ich fand es so faszinierend drei Omas zu sehen und vor allem diese Sinnlichkeit zu betrachten.

Wie ich am Feuer meine Hände aufgewärmte. Der Holzofen, wo immer diese köstlichen Gerichte vorbereitet wurden wenn ich voll hungrig vom Spielen nach hause kam, Tannenzapfen im Wald sammeln damit das Feuer schneller entfacht werden konnte. Brombeeren sammeln. Hühner jagen. Meine Oma hatte einen Hahn, ein totaler Draufgänger. Er attackierte einfach alles, was sich bewegte. Tja, das Ende vom Lied war der Kochtopf.

Trauben, Äpfel, Kastanien, Pflaumen, Orangen „besorgen“, Wasser holen. Wasserversorgung gab es nicht, auch die Brunnen waren nicht immer in der Nähe. Ganz besonderes im Sommer war das Wasser immer sehr knapp. Zu den Wasserstellen war manchmal ein weiter Weg erforderlich. Dort kamen alle schwarz gekleideten Frauen angelaufen und trugen Tongefässe auf dem Kopf und immer um die gleiche Zeit. Was aber nicht unerwähnt bleiben darf ist das Plumpsklo. Man war das eine Erlebnis, ein richtiger Donnerbalken, mit einem runden Schnitt und Deckel. Ich war sehr klein und zierlich und die Öffnung riesig für mich. Deshalb musste ich mich richtig festhalten. Vorteil aber war, ich konnte richtig sehen wie das ganze aus fünf Meter Höhe runter fiel und unten wie eine Bombe aufschlug. Im Halbdunkel durfte die Spannung noch einmal steigen. Ich konnte nicht wirklich erkennen was am Boden war, ich sah dann alles mögliche.

Aus diesen Geschichten ergab sich ein ganzes Erinnerungsschachmuster. Darauf hin entschloss ich mich, alles was mir in den Sinn kam, anzuschauen: Die Werkstatt, wo ich spielte, das Haus meiner Lieblingscousinen, die Wege, die Strassen, Menschen die mich nicht mehr kannten.

In Deutschland angekommen packte mich wieder diese Sehnsucht, die Suche nach mir selbst. Ich suchte nach meiner Kindheit und fand sie auch. Ich entdeckte etwas ganz wertvolles wieder, was lange in Vergessenheit geraten war. Ich fühlte meinen Ursprung, Reinheit und Neubeginn. Fünf Tage später flog ich zurück nach Portugal...

...ach, wie war das mit der Vergänglichkeit? Nach der Suche gab es sie bei mir nicht mehr. Leben und Tod haben den gleichen Ursprung. Er steht für zeitlose Neuentstehung.