Das Meer und ich
© miguelbabo

Am Anfang, als ich noch ein kleines Kind war, war dieses Wesen, das Meer, ein Nichts. Dann mit meinem bewussten Eintritt in diese Welt, fing ich an zu fühlen, zu denken, zu betrachten und aus dem nichtswissenden Kind, ist ein sich selbst wahrnehmendes Kind geworden. Plötzlich war das Meer da, dort unten. Nach und nach wurde das Wesen immer mächtiger…

 

…plötzlich mochte ich nicht mehr ins Wasser gehen, es wurde mir zu unheimlich…

 

 

Als kleines Kind beindruckte mich das Meer immer wieder auf´s Neue. Ich bin direkt am Meer aufgewachsen. Das Haus meiner Eltern befand sich drei Kilometer vom Strand entfernt. Je nach dem, wo der Wind her wehte, hörte ich das Meer. Porto ist eine riesen Metropole und immer, egal wo die Menschen stehen, hören sie das Geräusch von Autos im Hintergrund. Um so mehr war es für mich unbegreiflich, das Meer zu hören, ganz besonderes, weil drei Kilometer für ein kleines Kind eine ganz schöne Entfernung ist. An verregneten Herbsttagen, wenn die Feuchtigkeit bis in die Knochen dringt und die Melancholie an alle Seelen Platz nimmt, blieben die Menschen lieber gemütlich zuhause und sahen fern. Heizung gab es nicht. Die Menschen schienen sich nicht nach draußen zu trauen, als wären sie aus Zucker gemacht. Autos fuhren dann wenig, oder gar nicht. An solchen Tagen, wenn ich hinaus ging, gab es keine anderen störenden Geräusche und ich hörte das Meer. Die Möven flogen tief, in kleinen Kreisen und schrien. Möwen können richtig laut und unheimlich schreien. Dann wussten wir, dass Sturm an der Küste herrschte. Das Meer war immer present, ganz egal ob in meiner ganzen Freiheit oder in meinen ganzen Ängsten.

Früher hasste ich es, sonntags mit meinen Eltern an den Strand zu fahren. Nicht, weil es Sonntag war oder weil ich nicht mit meinen gezwungenen Freundschaften in unserer Straße spielen durfte, nein: es war Kirchtag. Aber warum jetzt die Kirche? Die Kirche war fünf Minuten von zuhause zu Fuss entfernt und nicht am Strand. Ganz einfach, ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen, wie fast alle Portugiesen auch. Dies hängt viel mehr mit der Geschichte Portugals zusammen. In Portugal gab es ein Diktatur, die 41 Jahre lang das Volk ausbeutete und dazu 14 Jahre Kolonialkrieg in Afrika. Das Land befand sich in einem sowohl finanziell als auch psychisch schlechten Zustand. Was macht ein Volk, welches verzweifelt, unterdrückt und bis zum letzten Tropfen ausgepresst wird? Das Volk sucht einen Zusammenhalt, in diesem Falle die Kirche. Die Portugiesen sind ohnehin zu 99% Katholiken. Ich gehöre zu den anderen Außenseitern von ein Prozent und besitze meine eigene Religion, obwohl ich gelernter Katholik bin. Und so war das Ritual am Sonntag extrem wichtig. Einmal in der Woche, wurde am Samstag gebadet. Sonntags mussten wir die “Hochzeitsklamotten” anziehen und den ganzen Tag damit herum laufen. Aber wenn ein kleiner Fleck darauf kam oder kaputt ging, war gleich Arschvoll angesagt, da wir auch kaum Gutes zum Anziehen hatten. Hey liebe Leute und so gehe ich zum Strand. Meine Eltern blieben bei jedem Wetter im Auto sitzen. Mein Vater hörte im Radio Fussball und meine Mutter hatte immer die Aufgabe, zu kontrolieren was ich mit meiner Schwester am Strand anstellte. Ich hasste es, nichts anfassen zu können, nicht im Sand spielen zu dürfen und mir nicht zu erlauben, ausversehen auf den Boden zu fallen. Was für eine Qual, als Kind meinen freien Tag so zu verbringen. Trotz alledem darauf zu verzichten wollte ich nicht. Es war die Stimmung dort, mal nebelig, mal windig, Ebbe, Flut, der Geruch, die Möwen und die Schiffe, die gestrandeten Schiffe. Genau diese gestrandeten Schiffe vor Porto´s Küste haben mich als Kind sehr beeindruckt.

Der Atlantik mit dieser Wucht, diesen Wellen: zwischen fünf und acht Meter hohe Wellen im Herbst und Winter sind keine Seltenheit. Immer wieder werden Teile der Küste verwüstet, die Kraft und Wucht, aber auch die unendliche Faszination des Meeres.

Die Küste bei Porto ist ein regelrechter Schiffsfriedhof, ständig strandeten Schiffe. Im Kindergarten spielten wir immer Rettungsaktion nach. Was für ein Schauspiel, wenn am Strand riesige Masten errichtet wurden, welche per Seil mit dem Schiff verbunden waren, um die Insaßen zu retten. Denn meistens konnte auf Grund des Windes kein Hubschrauber fliegen. Mein Vater war sehr neugierig und wie wir alle natürlich auch. Kaum kam die Meldung im Radio, Auto aus der Garage und die Hauptstrasse hinunter zum drei Kilometer entfernt Strand. Und schon erlebten wir Kino pur und zwar Live. Die Schiffe blieben meistens dort, wo sie strandeten. Das Meer räumte es mit der Zeit aus dem Weg. Die Strände verwandelten sich in große Attraktionen und dannach in Sammelplätze. Am Strand lagen dann Millionen von Bananen, Kerzen, Kartoffeln. Alles wurde aufgesammelt, denn die Menschen hatten nicht viel und es bereitete auch sehr viel Spass.

Sogar ein japanisches Schiff kennterte und verlor seine Autos. Die Autos sind alle an den Strand gespült worden. Es gab eines der größten Polizeiaufgebote und GNR, eine Art Grenzpolizei, um zu verhindern, dass die Autos vom Strand mitgenommen wurden. Mein Gott, was für Bilder.

Die Schiffe brachen mit der Zeit langsam auseinander und wir fanden Spass daran, zu entdecken, welches Teil an diesem Tag fehlte. Aber im Winter verschwanden die Schiffe recht schnell, rasche Selbstentsorgung.

 Ein Schiff aber blieb in Erinnerung und kann niemals vergessen werden. “Jakob Maersk”, ein Tanker mit 84.000 Tonnen Öl an Bord. Beim Manövrieren in Porto im Hafen lief der Rumpf auf Grund. Der Maschinenraum fing sofort Feuer und bald stand das ganze Schiff im Flammen, ein regelrechtes Inferno. Die Flamen reichten fast 100 Meter hoch. Das Schiff brannte fünf Tage und fünf Nächte. Im Porto direkt kam die Sonne nicht mehr durch, die Rußwolke reichte bis 150 Kilometer weit und es stank nach verbrannten Plastik. Schulen und Kindergärten waren geschlossen und die Menschen konnten sich nur kurz draußen aufhalten. Es war unheimlich. Und besonderes unheimlich empfand ich es in der Nacht, wenn die Flammen in der Dunkelheit zusammen mit dem Explosionen vor sich hin lebten. Ganze 50.000 Tonnen Rohöl verbrannten, 15.000 Tonnen wurden auf´s Meer getrieben und der Rest auf 15 Kilometer Küste verteilt. Porto´s Strände waren total verwüsstet. Hier ein kurzer Film von dem Geschehen. Nach diesem Unglück waren mein Sonntage am Strand echt mies. Ein oder zwei Jahre lang durften gar nicht mehr zum Strand und auch Jahre später waren wir immer voller schwarze Ölflecke. All diese schöne Felsen, bei denen ich ständig nach Fischen und Krebsen suchte, waren schwarz. Der Bug des Schiffs wurde nach ein Sturm an den Strand gespült. Jedes Mal wurde er immer kleiner und kleiner und am Strand lagen immer wieder neue Reste. An Wintertagen, die Zeit der großen Wellen, brachen diese direkt auf das Monument ein. Ich hörte das metalische Geräusch wenn der Bug sich hob und wieder senkte. Dieser aber wollte seinen Platz nicht freiwillig weichen und blieb 25 Jahre lang. Oft spielte ich dort, kletterte, versteckte mich mit Freunden. Rauf, runter, rein, springen, bis sich eines Tages die Stadt entschloss, den Bug wegzuräumen. Ein Denkmal, Geschichte, und die Erinnerung einer unvergeßlichen Katastrophe wurde für immer beseitigt.

Jahre später bin ich mit meinen eigenen Kindern dort gewesen. Ich erzählte ihnen diese Geschichten und gab wieder, wie ich mich damals als Kind fühlte. Wir betrachten ein Schiff, welches versuchte in den Hafen zu peilen und heftig von den Wellen  geschaukelt wurde. Da standen wir, dort auf einem Felsen bei bis zu sechs Meter hohen Wellen und erheblicher Windstärke, so dass wir uns alle gegenseitig festhalten mussten. Wir sahen wie damals die Schiffe in den Hafen hinein fahren. Wir dachten die ganze Zeit, das Schiff würde es nicht schaffen. Welle hinauf, Welle herunter, bis es doch in ruhigeres Gewässer kam und in den Hafen hinein gleitete. Welch eine Erleichterung und genau dieses Gefühl kam wieder in mir hoch.

 Als Kind wurde mir das Meer uneimlich. Ich spielte so gerne am und im Wasser. Und auf einmal wollte ich das alles doch nicht mehr. Ich sah, wie friedlich das Meer war, ich sah wie schön blau es strahlte und ich roch so gerne das Meer, ganz besonders bei Ebbe. Ich sah aber auch, wie trügerisch dieser Frieden auch sein kann. Bei schönem Wetter sind mutige Schwimmer weit hinaus gezogen worden und manchmal kamen sie nicht wieder. Das Meer verschluckte riesige Kolosse, riss Teile vom Land ab und veränderte die Küste. Das Meer riss Leuchtürme ab, radierte Strassen aus und zerstörte alles, was niet und nagel fest war. Das Meer war dann nicht mehr blau, sondern dunkelgrau und willkürlich. Eines Tages nahm mir das Meer meinen Lieblingssandeimer mit. Eine Welle trug ihn weg. Wir gingen nach Hause, doch ich wollte dort bleiben. Vielleicht konnte ich meinen Eimer wieder retten, dachte ich. Jeden Tag am Strand suchte ich meinen Eimer wieder und immer wieder. Aber er kam nie wieder zurück. Ich erhielt einen Neuen, aber der Alte blieb mir unersetzlich. Das war mein allererster Eimer, der meine Phantasie am Strand so anfeuerte, der für mich so lebendig war. Er war ein Teil von mir. Meine kleinen Hände trugen ihn, manchmal mit Sand, manchmal mit Wasser, machmal mit Krebsen, Fischen oder Muscheln. Die Vorstellung als Kind, mein schöner Eimer läge ganz tief auf dem Grund, wo kein Licht mehr hindringt, ganz alleine irgendwo tief im Dunkeln und der Kälte, war kaum zu ertragen…

 

… plötzlich mochte ich nicht mehr ins Wasser gehen, es wurde mir zu unheimlich…