Spuren suchen, Part II: Carvalho de Rei, Amarante - Portugal
© miguelbabo

Wie viel darf es sein? Wie wenig darf es sein? Was ist das Maß der Dinge? Auf der Suche nach meinen Wurzeln und meiner Kindheit bin auf viele Dinge gestoßen...

 

Nachdem ich viele Gedanken auf den Kopf gestellt habe, ist mir bewusst geworden, in welcher oberflächlichen und materiellen Welt wir eigentlich leben, fern ab von den Dingen, die eigentlich wirklich wichtig sind. Meist begeben wir uns ohne großen Widerstand in eine gut GEÖLTE Maschinerie aus Arbeit, Vernunft, Konsum und immer wieder Arbeit, Arbeit, Arbeit...ist doch klar, das weisst doch "jeder", oder? Solang man keinen richtigen Abstand gewinnt, wird es schwierig, jeden Zusammenhang, jede Zusammensetzung zu erkennen, und ich beneide zutiefst die, die es schaffen, die Botschaft zu erkennen, die uns zusammenhält... - nicht, weil wir es nicht können, weil es immer weniger Menschen gibt, die einfach so leben. Es geht heutzutage fast nur noch so: Anstatt dass wir in unserer Nachbarschaft klingeln und uns auf einen langweiligen Kaffee einladen, begeben und treffen wir uns auf verschiedenen Plattformen wie Facebook, Twitter usw. "Wie sollen wir, wenn unser Tag so voller Ding ist, noch einen Kaffee mit unseren Nachbar trinken?". Wie viel darf sein, damit unser Tag wertvoller wird? Oder wie wenig darf sein, daß unser Tag wertvoller wird?

 Fernab von der Zivilisation hab ich als Kind bei meiner Oma Urlaub gemacht, wo es keinen Strom, keine Kanalisation und auch keinen Fersehen gab, weil es dort keinen Empfang gab. Das Schlafzimmer hatte keine Fenster, und genau unten drunter waren die Schweine, Esel, Kühe, es hat gerochen...ja es hat nach Mist gerochen... Sobald ich wach geworden bin, rannte ich in die Küche, wo es Licht und eine Feuerstelle gab. Ich durfte mich gleich aufwärmen und von der Decke eine Wurst aussuchen, die sogleich am Feuer auf ein Rost gelegt wurde... Hummm, hat es wunderbar geschmeckt. Das Wasser ist in Tongefäßen auf dem Kopf nach Hause getragen worden. Frauen haben sich in den sogennanten "Tanks" getroffen , das Eis gebrochen und die Wäsche gewaschen, und dabei noch gesungen. Die Kinder hatten Kleider aus Jute und sind barfuß zu Schule gegangen. Nach der Schule sind alle mit der ganze Familie zum Acker gelaufen und haben Landwirtschaft betrieben - bei Wind und Wetter. Gegessen wurde alles, was auf den Tisch kam, "Fischen" war strengstens verboten und "was der Bauer nicht kennt", gab es nicht!

Heute ist es nicht viel anderes, nur eines: Die Kinder sind weg. Die Kinder leben in der Stadt und wollen eine einfaches Leben: nicht mehr frieren, nicht mehr hungern, die Hände gepflegt haben, genau wie ich auch. Damit fehlte die Handarbeit, danach könnten die Menschen auch nicht mehr so viel produzieren. Nebenan sind auch in andere Orte das gleiche „Phänomen“ passiert. Was das eine getauscht hat, hat der andere dafür was anderes. Mit immer mehr wegziehen von Menschen hat dann verherende Folgen gehabt: Das Handeln ist zum großen Teil zusammen gebrochen, oder fällig zusammen gebrochen. Handeln war nicht mehr mit Tiere möglich da auch die Entfernung größer geworden war.

Das Wetter hat auch, wie jeder von uns schon gespürt hat, sich geändert. Es gibt kein festen Winter und der Sommer ist nicht mehr der Sommer wie es schon mal war, das macht die Ernte um so schwieriger. Agrarpolitik ist auch weltweit sowieso ein riesen Problem... Die großen Nationen produzieren immer mehr und übersättigen somit den Weltmarkt. Die Preise werden immer weiter nach unten „korrigiert“ und die Kleinen Bauern haben damit keinerlei Chancen. Damit können sie nur noch sehr schwer leben.

Hinzu sind die Eltern nicht nur alleine, sondern älter, krank und unbeweglicher geworden. Schwerer und auch fein Arbeit ist dann auch nicht mehr möglich. Wer soll die undichte Dächer mal reparieren, als beispiel?  Die letzten 20 Jahre sind die kleinen Städte und Orte in Portugal ausgestorben, es sind viele Geisterstädte entstanden. Zum Teil sind in vielen Orten nur noch vereinzelte Menschen geblieben, die vor sich hin altern und langsam sterben. Es wird Zeit, diese Zeitdenkmäler zu dokumentieren, bevor es sie nicht mehr gibt.

Wir sind mit unserem Facebook und unseren Netzwerken so beschäftigte, dass wir gar nicht merken was "neben" uns verschwindet. Es wurde ein Hilfsprogramm im Carvalho de Rei und Umgebung ins Leben gerufen, welches auch von europäischen Geldern (Feder) unterstützt wird. Im Zeitalter, in dem überall Geld fehlt, sind solche Hilfsmaßnahmen leider auch zum Scheitern verurteilt. Das Durchschnittsgehalt eines Portugiesen reicht gerade für die eigene Familie, und das Ausmaß dieser menschlichen Katastrophe wird bald sichtbar, weil "wir" solch unglaublich schönen Orte wie diesen bald kein Leben mehr geben werden. - Es war schwer, eine Auswahl der Bilder zu treffen. Was aber für mich richtig schwer dort war, war Menschen zu fotografieren! Was darf man, was darf man nicht? Was ist noch zumutbar? Was nicht? Wo liegt die Grenze der Menschenwürde? Ich glaube, dass das, was ich hier zeige, vertretbar ist - und wunderschön. Für mich war das Gänsehaut pur, was für ein Ort, was für eine Reise...