Norden Kolumbien, Karibikküste, Departamento del Magdalena, Frühjahr 1998
© miguelbabo

An der karibischen Küste erhebt sich in der Sierra Nevada de Santa Marta das höchste Küstengebirge der Erde und gleichzeitig die höchste Erhebung Kolumbiens. Umgeben von pyramideförmigen Bergen und undurchdringlichem Dschungel, liegt der Cristóbal Colón auf 5775 Meter. Mittendrin befindet sich das Indianergebiet der Arhuacos, welches nur per Tage langem Fußmarsch zu erreichen ist. Die zum Teil isolierte Lage sorgt für den Erhalt der alten Kultur. Dies hat nicht nur geografische sondern auch politische Hintergründe. Das Indianerreservat ist von Guerrillagebieten umzingelt und weit und breit befinden sich Kokaplantagen. Dort wird Kokain produziert, um den Drogenkrieg zu finanzieren. Durch die Drogenbekämpfung ziehen sich die Kokainbauern immer weiter in undurchdringliches Gebiet zurück und dringen somit in Indianergebiet ein. Noch führen die Indianer ein Leben des Naturvolks. Großeltern, Eltern und Kinder wohnen in einem Raum. Die Hütten sind aus Holz und Lehm gebaut. Sie haben keine Fenster, keinen Rauchabzug und die Türen sind extra schmal gebaut. Somit dringt keine Feuchtigkeit nach innen und Wärme nicht nach außen. 

 

Sie, Lucho und Daisy ermöglichten mir den Aufenthalt im Indianerterritorium. Ich lernte sie am Strand kennen, von wo aus unsere dreitägige Reise begann: ein Tag mit dem Bus, eine abenteuerliche Geländewagenfahrt durch wildes Gebiet und zu guter Letzt ein Tag zu Fuß, berg auf und berg ab. Mehrmals mussten wir Kontrollpunkte der Guerrilleros passieren. Das Guerrillagebiet zu durchqueren ist nur Einheimischen vorbehalten. Ausländer werden gerne verschleppt, um Lösegelder zu erpressen. Erpressung ist neben Kokain Anbau auch eine Waffe der Guerrilleros, F.A.R.C.. Nichts konnte mich trotzdem von meinem Aufenthalt abhalten. An einen Kontrollpunkt beschlagnahmten sie mir sämtliche Dia-Filme, fotografieren ist streng verboten. Drei Filme fanden die Guerrilleros dennoch nicht und so bewahrte ich tatsächlich ein paar Bilder. Nach mehrere Monate Jungle aufenthalt, sowohl im Kolumbien als auch im Costa Rica, musste ich leider feststellen, dass so gut wie fast alle Bilder unbrauchbar geworden waren. Die Dias sind durch die höhe Luftfeuchtigkeit mit Pilze befallen und haben auch ihre Farbigkeit verloren!!!! 

 

Im Indianergebiet fand ich eine Mischung von Felsengebirgen und Dschungel, einer Umgebung mit Sümpfen, wilden Flüssen, spektakulären Wasserfällen und undringlichen dichten Wäldern vor. Was mich vor Ort sehr beeindruckte, waren die Indianerkinder. Zu ihnen hatte ich leider keinen oder wenig Kontakt. Ich bin weiß. Denn weiß bedeutet unrein, ungläubig. Dies hängt mit der Kolonialgeschichte zusammen, den Spaniern. Heute lernen die Indianerkinder auf Spanisch sprechen, rechnen und lesen. Der Unterricht wird über Radio ausgestrahlt und auch vor Ort von Nicht-Indianern vermittelt.

Mich erstaunte, wie die Kinder im Alter von drei, vier oder fünf Jahren mit Tieren arbeiteten, wie sie barfuss rannten, wie schwer sie trugen, wie sie schwammen. Sie sind klug, schnell, äußerst unabhängig und anpassungsfähig. Das Leben dort ist ganz anders, im Vergleich zu anderen Indianerdörfern. Nicht nur weil das Dorf von der Welt isoliert ist, davon gibt es in Kolumbien viele, sondern die geografische Lage am Fuß der Gletscher der Sierra Nevada spielt die entscheidende Rolle. Von Anfang an bekommen die Kinder für ihre Alter herausfordernde Aufgaben und sind dadurch sehr selbständig. Die unwirtliche Umgebung zusammen mit dem Indianern, ganz besonderes ihre Kinder, sind in meinen Augen ein Geschenk Gottes. Aus meiner Sicht, der Wohlstandsgesellschaft, leben diese Menschen unter schwierigsten Umständen und sind damit glücklich. Ungeplant blieb ich drei Monate. Ich ahnte Einsicht.

In der Regenzeit ist Feuchtigkeit ein Problem, abgesehen davon, dass auch in der Sommerzeit kaum etwas trocknet. Die Wäsche muss über dem Feuer aufgehängt werden und gleichzeitig einen Schutz gegen die Mücken erhält. Durch Feldarbeit mit der Machete verwundete ich meine Hände. Die ständige Arbeit und Feuchtigkeit rissen meine Hände auf und ließen sie nicht mehr heilen. Unter großen Schmerzen hielt ich sie zum Trocknen und damit Heilen ans Feuer. Am nächsten Tag jedoch waren sie durch Abwasch, Duschen und Feldarbeit wieder wund bis auf´s Fleisch. Am schlimmsten war der Morgen, wenn die getrocknete Haut wieder aufriss und alles wieder von vorne begann. Nur am Meer, drei Monate später, hatte ich das Problem endlich gelöst.

 

Das schlimmste für mich ist die Sterblichkeit: Krankheit, Vergiftung, Unfälle. Nicht nur Tiere fallen ihr zum Opfer, sondern meistens kleine Kinder. Aber der Glaube hilft den Indianern in solchen Situationen. Sie beten Pacha Mama an, die Muttererde und opfern Kokablätter, ein Erbe des Inkas Volkes. Noch heute folgen die Arhuacos der alten Inka Lehre, indem sie mit der Muttererde in Harmonie leben. Sie verehren die Natur und versuchen geben und nehmen in Einklang zu bringen. Bis vor wenigen Jahren lebten die Arhuacos vom Tauschhandel. Geld gab es kaum. Heute freuen sie sich, in der Stadt einkaufen zu gehen. Trotz des milderen Klimas im Tal, wollen sie jedoch in den abgeschotteten Bergen leben.

Indianer haben ihren Naturglauben und sie haben die Kokablätter. Diese sind nur Männern vorbehalten. Die Männer müssen stundenlang bergauf, bergab laufen um zu ihren Plantagen zu gelangen und zu jagen. Dabei kauen sie Kokablätter. Sie sind damit schnell, ermüden nicht und verspüren weder Hunger noch Durst. Das ideale Mittel, um effektiv zu arbeiten. Sie tragen lediglich einen Beutel mit den Blättern, einen kleinen Krug Wasser und ein Kürbisbehälter, Calabaça, mit Kalk. Dieser Kalk wird mit einen Stab herausgeholt und im Mund mit Speichel und den Kokablättern vermischt. Die Mischung verleiht den Rausch. Alle Männer ziehen morgens wie Legionäre zum Arbeiten. Eine Arbeit ausschließlich in Gemeinschaft, denn jeder hilft jedem.

Die im Dorf verbliebene Frauen weben aus Agavenfasern kunstvolle Taschen, Decken, Ponchos, Hängematten und Kleidungsstücke. Ihre Webtechniken sind uralt und werden von Generation zu Generation am Webrahmen weiter gegeben. Die typischen Muster gehen zurück bis auf die Zeit der Inka. Leuchtende Farben werden aus Naturstoffen, Pflanzen, Mineralien und manchmal auch schon aus synthetischen Farben gewonnen. Jede eingewebte Form besitzt eine Bedeutung. Meistens sind Sonne sowie männliche und weibliche Symbole, die immer zusammen auftreten, abgebildet.

 

Die wichtigsten Personen im Dorf sind die Schamanen. Mit rituellen Opfergaben beten Schamanen die Berggeister an und bitten um ihre Anliegen. Zu Inkazeit waren das Menschenopfer, heute sind das Lebensmittel, Kokablätter und Alkohol. Die Schamanen erfüllen in den Dörfern zentrale Funktionen: sie sind Arzt, helfen bei persönlichen Anliegen, sind Seelsorger wie ein Priester und sind Hellseher. Als Erdenhüter können sie Schicksale der Menschen durch die heiligen Kokablätter lesen.

Auch ich war im Dschungel mit 41 Grad Fieber tot krank. Ich hatte “quebra huesos”, „Knochen brechen“. Genauso fühlte sich mein Körper an. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, so schmerzen meine Knochen und Gelenke. Einer nicht seltene aber jedoch zum Glück nicht tödliche Malaria Art. In Lucho´s Hütte lag ich. Zuerst wollte der Schamane nicht kommen. Ich war ein Eindringling im Dorf, ein unreiner Mensch. Er kam und stand plötzlich vor mir. Ich lag in der Hängematte und konnte kaum geradeaus schauen. Das Feuer brannte, draußen war noch hell. Der Schamane schaute mich Stunden an, sagte nichts und bewegte sich auch nicht. Ein alter Mann, stämmig, große Hände, Hände die für sich sprachen. Hände mit voller Geschichten. Hände die viel gearbeitet hatten und immer noch tun. Jedoch so sanft und liebvoll waren seine Hände. Große Füße, barfuss, viel Hornhaut, so viel, dass überall Risse zu sehen waren. Die Zehnägel bildeten abstrakte Skulpturen, schwarz wie die Nacht. Der Schamane trug ein weißes Kleid, fast wie ein Kittel, sehr luftig geschnitten. Langes graues Haar. Seine Augen waren wie verglast. Dieser Mann besaß keine Pupillen, seine Augen weiß, wie von der Sonne verbrannt. Seine Augen sahen spektakulär und der Blick unbeschreiblich. Ich lag in meinen Schlafsack, fror, meine Zähne klapperten und er schaute mich mit diesem Blick an. Ich fühlte mich nach und nach ihm gegenüber immer entblößter, denn sein Blick drang bis in mein tiefstes Innere. Ein Inneres, welches ich nicht kannte. Wie konnte ich so klar fühlen wenn ich kurz vor Delerium war? Er schaut mich einfach den ganze Zeit nur an ohne seine Wimpern zu schlagen. Je mehr er mich anschaute, um so mehr fühlte ich mich an mein Schlafsack und Hängematte gedruckt. Es wurde langsam dunkel und ich konnte nur noch seine Falten erkennen, die durch das Feuer unregelmäßig angeleucht hat. Dann plötzlich war er weg, so wie er gekommen ist, ist er auch gegangen. Staub zu Staub. Ich hab gedacht:”…so, das warst…” Zwei ganze Stunden hat er mich dort angeschaut, sagte mir Lucho später.  Nachdem er gegangen war, fühlt ich mich wie eine Wunde, als hätte er mich wie ein Buch aufgeschlagen. Jedes einzeln Kapitel, Seite, Satz, Buchstaben hat er von mir gelesen und ich konnte mich nicht dagegen währen. Ich hab geweint und geweint und es fühlt sich als wurde ich eine Wand abrutschen richtung Abgrund, obwohl ein Glücksgefühl von innen nach außen bei mir bannte. Was für ein Mensch stand mir gegenüber? Einige Menschen in Kolumbien wussten von meine baldige Aufenthalt in der “Sierra”. Sie sprachen von Magie, ein unbeschreibliche Ort voller Energie und so war es. Ich konnte mein Glück nicht fassen. Ein Nachbar gegenüber von mein Haus in Taganga, Santa Marta, sagte:”…dort habe ich gelebt und es war so schön. Zu schön. So schön, dass mir das Herz zerriesen hat. Ich musste vier Jahre später zurück ins Tal, ich habe es nicht ausgehalten…” Da stand ich ganz blöd da! Ich konnte damit nichts anfangen. Hallo, wo es mir gefällt, wo es schön ist und wo es mir gut tut, bleibe ich auch. Tja, ich war dann im Jungle und ich hab zwar gespürt was für eine Energie dort schwebte aber immer noch nicht nachvollziehen können warum dann Menschen es nicht ertragen können. Dieser Frage hat mich Jahre begleitet, es war nicht möglich zu beantworten.

 

Jahre später war ich auf den Lofoten, Norwegen. Ä. Ä ist ein kleiner Fischerdorf, wo die Strasse zu ende geht. Dort leben die Menschen, wie die Wikinger damals von Dorsch fang. Die Entstehung von den Lofoten geht auf die Letzte Eiszeit zurück. Das ist in der Tat die älteste Gestein der Erde und dieser wurde unter verschiedene Tektonischeplatten Millionen von Jahren verschoben und nicht im innere Kern der Erde geschmolzen, bis irgendwann sich die Platten verkannten und nach oben verschoben haben und das während der letzte Eiszeit. Das Eis haben dieser Masse sehr scharf geschnitten und geschliffen deshalb sind die Inseln so steil und sehr schmal. Der Anblick auf diesem Massiven “Zähne” ist einfach unbeschreiblich und umwerfend. Sowohl die Wikinger als auch die Menschen heute, müssen die Häuser auf Pfahlen bauen, weil es schlicht kein Platz gibt. Entweder ist zu steil zum Bauen oder gibt es Sumpfe. An diesem Tag als ich auf Ä war, zogen die Wolken sehr tief und es gab ein wechselspiel zwischen Blauer Himmer und Nebel. Das Wasser war spiegelglatt, so glatt, dass alles ohne ein einzige Falte auf dem Wasser sich gespiegelt hat. Dieser unbeschreibliche Berge, der Wasserpiegel, die Möwen die unzählig waren um den Hafen schreiend angekreist haben, hat ein unbeschreiblichen Gefühl in mir ausgelöst. Ich saß am Hafen und habe mich diesem Schauspiel nicht entgehen lassen. Es haben nur noch die Dinossaurien an dieser Kulisse gefehlt. Mehr und mehr bildet sich ein  starkes Gefühl in mir drin, ganz tief, so intensive, ich fing an zu weinen und ich hab damit nicht mehr aufhören können. Ich war machtlos. Ich war nicht allein dort. Meine jemalige Freundin war auch dort, auch sie konnte sich nicht festhalten. Beide haben die Welt auf ein mal nicht mehr verstanden. Und es hat sich immer weiter gesteigert, so extrem…wir mussten diesem Platz verlassen. Danach haben wir stunden lang geschlafen, so anstrengend war es. Plötzlich habe ich an meinen Nachbar im Kolumbien gedacht. Die Antwort hatte ich ohne dieser zu suchen, genau da gefunden, Tausende Kilometer Entfernung. Plötzlich wusste ich ganz genau was er gefühlt hat. Plötzlich habe ich, wahrscheinlich wie er, meine Brust ganz klein gespürt und mein Herz schien mir zu platzen. Ich hatte richtig schmerzen. Was war das? Was waren es für Schwingung in mir drin? Ja, ich kann es jetzt nachvollziehen, weil ich dadurch gegangen bin. Nicht nur mit dem Verstanden sondern auch mit mein Gefühle.

 

Zurück nach Kolumbien. Nicht nur der Schaman war weg, alle waren weg. Lucho, Dasy, die Kinder. Die Nacht hatte sich schon bereit gemacht. Ich hab immer weniger verstanden. Was ich gebraucht habe war das Gefühl von Geborgenheit und auch das es mir geholfen wird. Dieser Welt wo ich mich befanden hab war so mächtig, ich fühlt mich schon wie ein Lilliputaner. Die Bäume die bis zu 40 Meter hoch waren und Menschen unter deren Wurzel liefen. Schmetterlinge die so groß waren wie DIN A4 Blätter. Wo jedes mal die Weg mit der Manchete freigeschnitten werden müsste, sonst werden sie unpassierbar. Ständig Zecken raus rupfen. Kuhe und Esel müssten die Beine mit Benzin gewaschen werden weil die Schwarz voll mit Zecken waren…die Liste kann ich fortsetzen! Da lag ich im dunkel. Alleine. Dann kam sie alle wieder mit Kräuter, mit menschelische Wärme, all die Menschen haben gezappelt um mich zu helfen und ich hab daran gezweifelt. Ein Zaubertrunk wurde dann gekocht. Es hat geschmeckt genauso wie es aussah, zum wegrennen. Nach drei Tage war ich wieder auf die Beine, wobei die Genesung länger gedauert hat. Monate später in Costa Rica ist mir noch ein mal ausgebrochen, danach aber nicht mehr. Wie wichtig für mich war durch diese Erfahrung durch zu gehen und auch durch zu stehen. Ich hatte das Glauben an mir, schon aus den Augen schon verloren. Der Mama hat mich dann für eine Sitzung in sein Haus mit Lucho eingeladen. Der alte man, der Anführer, war 107 Sommer alt. Er hatte noch alle Zähne, die aber Schwarz von Tabakpaste reiben waren. Wir sind ins Dorf gelaufen. Beim eintreten konnte ich nichts mehr sehen, so dunkel war es drinnen. Außer der Geruch von Ruß und vereinzelte Füße, habe ich nichts erkennen können. Langsam kam ein Bild zum Vorschein. Es saßen viele Männer drin, alle kauten Kokablätter und rieben ihre Stäbe auf die Kleine Kürbisse. Es sprach keine, wir haben uns auch auf dem Boden hingesetzt.  Nach eine Weile kam ein Satz und dann wieder Stille. Rotzen auf dem Boden, reiben, Stille. Minuten Stille. Noch ein Satz die sich auf der Letzte aufbaute. Stille. Minuten Stille. Ich hab irgendwann einfach meine Augen zu gemacht. Manchmal hörte ich Indianer, machmal Spanischesprache. Aber was macht es für eine Unterschied? Ich kam aus der westliche Zivilisation und diese Männer haben sich über den Universum, Sternen, Leben, Tod, von Feuer unter dem Füßen, unterhalten. Stunden langen. Ich saß da und mochte nichts sagen. Ich wollte nichts sagen. Ich wollte den Moment nicht unterbrechen, vielleicht aus Respekt. Vielleicht wollte ich den “Film” nicht reißen. Ich fühlte mich fast wie aufgenommen und das wollte ich für die Ewigkeit festhalten…